Ausbildungsabbruch: Auf diese Anzeichen sollten Betriebe achten

Redaktion
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Jede dritte Ausbildung im Handwerk wird vorzeitig beendet. Ein Drittel davon in der Probezeit – teils vom Betrieb, teils vom Azubi aus. Fest steht jedoch: Ein Ausbildungsabbruch hat für beide Seiten erhebliche Konsequenzen und kann für Betriebe besonders kostenintensiv sein. Wir erklären, welche Trennungsgründe und Warnsignale es gibt und wie Betriebe vorbeugen können.

Ausbildungsabbrüche in Zahlen und Fakten

Die Häufigkeit, in der Ausbildungsverträge vorzeitig beendet werden, ist seit Jahren ein echtes Problem. Ein Blick auf die Statistik zeigt: Fast 30 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)  wurden im Jahr 2022 insgesamt 155.325 Ausbildungsverträge aufgelöst. Besonders stark betroffen ist das Handwerk, wo die Quote bei etwa 36,7 Prozent – also über einem Drittel – liegt.

Ein niedriger Schulabschluss scheint das Risiko, dass sich Ausbildende und Auszubildende vorzeitig voneinander trennen, zu erhöhen. Azubis mit Hauptschulabschluss weisen mit über 42 Prozent die höchste Vertragslösungsquote auf. Im Gegensatz dazu weisen Studienberechtigte mit etwa 18 Prozent die niedrigste Abbruchquote auf

Vertragslösung ≠ Ausbildungsabbruch

Bei vielen vorzeitigen Vertragslösungen handelt es sich nicht um den endgültigen Austritt aus dem dualen System. Mindestens 50 Prozent der Auszubildenden kehren danach zurück in eine neue Ausbildung: Sie wechseln also nur den Betrieb oder den Ausbildungsberuf.

Ausbildung abbrechen: Die häufigsten Gründe

Die Ursachen für vorzeitige Vertragslösungen sind vielfältig und betreffen sowohl die Auszubildenden als auch die Betriebe. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen. Wir haben die häufigsten Gründe für Ausbildungsabbrüche hier im Überblick.

Trennungsgründe auf Seiten der Azubis

1. Persönliche Gründe und falsche Berufsvorstellungen

„Grundsätzlich ist es so, dass es - vor allem in der Probezeit – jedem und jeder Auszubildenden freisteht, sich umzuentscheiden“, erklärt Sascha Schneider, Pressesprecher der Handwerkskammer für Schwaben. Manchmal gebe es auch gesundheitliche Gründe: „Beispielsweise, wenn ein junger Mensch während seiner Ausbildung zur Bäckerin oder zum Bäcker feststellt, dass eine Mehlstaub-Allergie vorliegt.“

Aber auch persönliche Ursachen sowie falsche Vorstellungen vom Ausbildungsberuf spielen eine Rolle. Der Ausbildungsreport 2024 der DGB-Jugend zeigt eindeutig: Für 82,5 Prozent der betroffenen Azubis war der Ausbildungsabbruch mit einem Berufswechsel verbunden. 29,4 Prozent mussten eine ungeplante Alternative wählen oder sogar zu einer Notlösung greifen.

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2. Unzufriedenheit mit der Ausbildung

Die fachliche Qualität der Ausbildung ist oft entscheidend für die Zufriedenheit der Azubis. Ein Drittel der Befragten hat keinen betrieblichen Ausbildungsplan, obwohl dieser gesetzlich vorgeschrieben ist. So können die Auszubildenden nicht überprüfen, ob sie alle notwendigen Inhalte lernen. Unglücklich sind viele Azubis außerdem, wenn sie häufig zu ausbildungsfremden Tätigkeiten herangezogen werden.

3. Regelmäßige Über- und Unterforderung

Überforderung ist ein weiterer Trennungsgrund. Sie zeigt sich nicht nur in Form von hoher körperlicher Belastung, sondern auch als erheblicher psychischer Stressfaktor in der Ausbildung: 60 Prozent der Azubis haben demnach Schwierigkeiten, sich in der Freizeit ausreichend zu erholen. Andererseits kann auch Unterforderung zu Langeweile und letztlich zum Ausbildungsabbruch führen.

 4. Fehlende Unterstützung und Wertschätzung 

Die entsprechende Betreuung durch Ausbilderin oder Ausbilder ist hier oft der Schlüssel zum Erfolg. Diese müssen nicht nur fachlich kompetent, sondern auch im Alltag ansprechbar und greifbar sein. Mehr als die Hälfte der Azubis (54,9 Prozent) erhält seltener als einmal pro Monat oder sogar nie ein persönliches Feedback. Doch ein regelmäßiger Austausch und entsprechende Wertschätzung im Arbeitsalltag verbessern die Einschätzung der Ausbildungsqualität.

Trennungsgründe aus Sicht der Betriebe

  • 1. Falsche Berufsvorstellungen und fehlende Motivation

    Unternehmen geben häufig an, dass Auszubildende unrealistische Vorstellungen von Handwerksberufen haben. Viele Azubis erleben dadurch Enttäuschungen und die Betriebe kämpfen mit den Folgen. Denn unmotivierte Lehrlinge zeigen wenig Initiative und Eigenverantwortung. Das beeinträchtigt die Arbeitsqualität, schadet dem Betriebsklima und endet nicht selten in einem Ausbildungsabbruch.

  • 2. Unentschuldigte Fehlzeiten und Unpünktlichkeit von Azubis

    Diese können den Betriebsablauf erheblich stören und als Zeichen von Unzuverlässigkeit und mangelndem Engagement interpretiert werden. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber können bei bewusstem Fehlverhalten eine Abmahnung aussprechen. Sie sollten jedoch den Einzelfall prüfen und alle Handlungsoptionen erwägen, bevor es zu einer Kündigung kommt.

  • 3. Unzureichende Leistungen der Auszubildenden

    Mangelnde Lernbereitschaft führt zu schlechten Noten in der Berufsschule. In diesen Fällen sehen sich Betriebe mit zusätzlichem Aufwand konfrontiert, um diese Defizite bei den betroffenen Azubis auszugleichen.

  • 4. Mangelnde soziale Kompetenzen und Konflikte am Arbeitsplatz

    Fehlende soziale Kompetenzen bei Azubis, wie Teamfähigkeit oder Konfliktlösung, sind ein wesentlicher Faktor. Das kann zu Spannungen, Konflikten und wiederum zu vorzeitigen Vertragslösungen führen. Vor allem kleine Betriebe sind betroffen, wo ein Abteilungswechsel oft nicht möglich ist.

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Warnsignale für einen drohenden Ausbildungsabbruch

Hinter einem Ausbildungsabbruch stehen oft mehrere Auslöser. Doch fällt die Entscheidung, den Vertrag zu kündigen, nicht von heute auf morgen. Es gibt bestimmte Warnsignale bei Auszubildenden, die auf einen drohenden Abbruch hindeuten:

  • Wiederholte Unpünktlichkeit und unentschuldigte Fehlzeiten

  • Häufige Krankmeldungen

  • Schlechte Noten in der Berufsschule

  • Mangelhafte Arbeitsergebnisse im Betrieb

  • Lustlosigkeit und soziale Isolation

  • Auffällige Verhaltensänderungen, zunehmende Aggressivität

  • Konflikte mit Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten

Maßnahmen zur Prävention: Was hilft gegen Ausbildungsabbrüche?

Laut BIBB liegen die durchschnittlichen Kosten eines Ausbildungsabbruchs bei 6.478 Euro - pro Azubi. Neben den finanziellen Verlusten gehen den Betrieben weitere wichtige Ressourcen wie Produktivität, Arbeitszeit, Planungssicherheit und Fachkräftepotenzial verloren. In diesem Sinne gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wir zeigen Ihnen praktische Tipps, wie Sie Vertragslösungen frühzeitig vorbeugen können.

Schon vor Ausbildungsstart: Berufsorientierung, Betriebsbesuche, Bewerbung

Prävention von Ausbildungsabbrüchen oder Vertragslösungen beginnt bereits vor der Einstellung. Und zwar mit der richtigen Wahl von Betrieb und Beruf. Nur so könnten Jugendliche eine sinnvolle Entscheidung treffen, sagt Sascha Schneider. Der Sprecher der HWK Schwaben ergänzt: „Ganz zentral sind hierbei auch Praktika. Zum einen während der Schulzeit, um sich eben orientieren zu können, und dann gezielt vor Beginn der Ausbildung, um herauszufinden, ob es mit dem jeweiligen Betrieb passt.“

Seitens der Unternehmen ist die Kooperation mit Schulen sehr hilfreich. Sie können Ausbildungsberufe auf Informationsveranstaltungen vorstellen und Betriebsbesichtigungen sowie Praktika organisieren, um ein realistisches Bild von Ausbildungsberufen zu vermitteln. Ideal sind zweiwöchige Praktika, die Schülerinnen und Schülern einen Einblick in den Arbeitsalltag ermöglichen. Sie sollten sowohl anspruchsvolle als auch routinemäßige Aufgaben kennenlernen und von einer Mentorin oder von einem Mentor begleitet werden. Auch Schnuppertage wecken zusätzlich das Interesse der Jugendlichen.

Im Bewerbungsprozess sollten Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstsein berücksichtigt werden. Diese können durch Rollenspiele, Gruppenübungen oder situative Fragen im Gespräch erfasst werden. Die Einbeziehung der Eltern kann ebenfalls sinnvoll sein. Sie können ihre Kinder emotional und praktisch unterstützen, Stressfaktoren frühzeitig erkennen und darauf reagieren, bevor es zu einem Abbruch kommt.

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Maßnahmen nach Ausbildungsbeginn: Wenn sich eine Vertragslösung anbahnt

Bei Verdacht auf Ausbildungsabbruch „ist Kommunikation das Stichwort“, betont Sascha Schneider. „Ausbildungsbetriebe sollten in ständigem Austausch mit ihren Auszubildenden sein. Natürlich vorwiegend über die Ausbildungsinhalte, aber auch in persönlichen Angelegenheiten. Im Handwerk werden viele Menschen gebraucht und unsere Betriebe sind stark auf Nachwuchskräfte angewiesen." Deshalb sei ganz wichtig: ein offenes Gespräch unter vier Augen, um Unstimmigkeiten oder Missverständnisse gemeinsam zu klären. Beispielsweise können sich die Ausbildenden und Azubis regelmäßig am Ende des Tages treffen, um erledigte Aufgaben zu besprechen. Monatliche Feedbackgespräche bieten Raum für tiefere Diskussionen.

Fühlt sich ein Azubi überfordert, kann eine feste Vertrauensperson im Betrieb zusätzliche Unterstützung bieten. Zudem sollten die Arbeitsbedingungen regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden, zum Beispiel durch flexiblere Arbeitszeiten oder Teilzeitausbildungen.

Ausbildungsbetriebe sollten in ständigem Austausch mit ihren Auszubildenden sein.

Sascha Schneider

Pressesprecher der Handwerkskammer für Schwaben

Droht trotz aller Mühe ein vorzeitiger Ausbildungsabbruch? Dann können Betriebe und Jugendliche die Leistungen der Kammer in Anspruch nehmen. „Für beide Seiten gibt es Unterstützung durch die Handwerkskammer“, sagt Sascha Schneider. „Zum einen durch unsere Ausbildungsberatung, die beiden Vertragspartnern mit Rat zur Seite steht. Zum anderen durch die Lehrstellenbörse, in der zahlreiche Ausbildungsplatzangebote gelistet sind.“ So fallen die Jugendlichen nicht ganz aus dem Bildungssystem heraus, können weiter betreut werden und die Unternehmen finden neue Azubis.

Arbeitslosengeld bei Ausbildungsabbruch: Was sollten Auszubildende beachten?

Anspruch auf Arbeitslosengeld haben Azubis, wenn die Ausbildung mindestens ein Jahr gedauert hat. Hat man die Ausbildung selbst abgebrochen, kann es zu einer Sperrzeit von drei Monaten kommen. Außerdem muss die Krankenkasse informiert werden. Eventuell können Auszubildende wieder in die Familienversicherung wechseln, wenn sie die Altersgrenze nicht überschreiten.

Fazit

Gezielte Maßnahmen machen den Unterschied: Mit frühzeitiger Berufsorientierung, hoher Ausbildungsqualität, guter Beziehungspflege und offener Kommunikation können Betriebe und Azubis eine erfolgreiche Ausbildung sicherstellen. Flexibilität und externe Unterstützung bei Bedarf helfen, das Risiko von Abbrüchen zu minimieren. So wird die Ausbildung zum soliden Fundament für eine vielversprechende berufliche Zukunft.

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Veröffentlicht am 02.04.2025

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