Wie sich Hass, Hetze und Lügen über Social Media verbreiten und krank machen können

Redaktion
IKK classic

Hass, Hetze, Fake News: Vorurteile und Diskriminierung sind zunehmend in unserer Gesellschaft präsent. Besonders im Internet und den Sozialen Medien werden sie verbreitet. Das kann sogar unserer Gesundheit schaden. Wir erklären die Dynamik dahinter und was Sie dagegen tun können.

Das Internet ist ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Es hat fast alles in unserem täglichen Leben einfacher gemacht: Musik hören, Serien oder Filme schauen oder Menschen auf der ganzen Welt ganz leicht zu erreichen.

60 Prozent der Menschen in Deutschland nutzen laut der Medienstudie von ARD und ZDF regelmäßig Social Media Kanäle wie Instagram, Facebook oder TikTok. Das hat auch die Art und Weise verändert, wie wir miteinander kommunizieren . Denn das Internet ist inzwischen die Informationsquelle Nummer eins vieler Menschen.

Wie Soziale Medien unsere Kommunikation verändern

Schnell, emotional, oberflächlich und nahezu unendlich: So lassen sich die Inhalte der Sozialen Netzwerke zusammenfassen.

Ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens findet inzwischen online statt. „Unsere Kommunikation ist schneller, dynamischer und globaler geworden“, sagt Marcel Moses. Der Psychologe ist Experte auf diesem Gebiet. In seinem Buch „Generation Toxic“ beschäftigt er sich unter anderem damit, wie Menschen heutzutage kommunizieren, miteinander umgehen und wie das unser Zusammenleben verändert.

Wir verschicken Nachrichten, Sprachmemos, Mails hin und her – oder teilen unsere Bilder, Videos und Meinungen in den Sozialen Netzwerken. „So haben wir zu jeder Zeit Zugang zu Menschen, Inhalten und Meldungen aus der ganzen Welt“, sagt Moses.

Zur Schnelligkeit und Vielzahl der Informationen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Die Inhalte auf Social Media sind meist eher oberflächlich. „Die Formate sind oft sehr kurz, emotional und visuell aufbereitet, in Form von schönen Bildern oder kurzen Videos“, erklärt Melina Honegg von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK). Die oberste Regel lautet: Inhalte müssen leicht verständlich sein. Deshalb werden Fakten meist verkürzt oder vereinfacht dargestellt.

#lassbewusstmachen

Wie sieht ein verantwortlicher Umgang mit TikTok, Instagram, YouTube und Co. aus? Das zeigen wir Schülern, Eltern und Lehrkräften in unserem kostenfreien Programm.

Warum verbreiten sich Hass, Hetze oder Fake News im Internet besonders gut

Damit sich Informationen im Internet besonders weit und schnell verbreiten, müssen diese so aufbereitet werden, dass sie große Aufmerksamkeit erzielen.

Das geht am besten, indem die Inhalte Emotionen auslösen oder polarisieren. „Wie zum Beispiel Angst, Verunsicherungen oder Wut“, erklärt Marcel Moses. Es ist das Ziel solcher Inhalte, dass die Menschen ihren Emotionen in den Kommentaren freien Lauf lassen können. Weil wir im Internet häufig anonym unterwegs sind und unser Gegenüber nicht sehen, ist die Hemmschwelle nicht sehr hoch. Deshalb braucht es oft nur einen kleinen Anstoß. Das gelingt am besten mit emotionalen, provozierenden oder überraschenden Inhalten.

Die Nutzung der meisten Onlinedienste ist zwar kostenlos, allerdings verdienen die Firmen hinter den Plattformen Geld damit, dass wir viel Zeit auf Instagram und Co. verbringen.

Auch die Absender solcher Inhalte verfolgen eigene Interessen. Denn sie können diese Aufmerksamkeit entweder zu Geld machen – oder sie bewusst missbrauchen, indem sie (politische oder gesellschaftliche) Diskussionen beeinflussen.

Hassrede, Shitstorm und Fake News: Was ist das?

Auf Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube oder Facebook hat jeder Mensch die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern oder über Themen zu sprechen, die ihm wichtig sind. Das ist eine großartige Möglichkeit, um mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten, die sich für die gleichen Dinge interessieren. Es soll zudem die Meinungsfreiheit fördern und eine vielfältige Diskussion anregen.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Problematisch wird es dann, wenn so gezielt Unwahrheiten, Hass oder Diskriminierung verbreitet werden – und sich alle auf eine Person stürzen.

Hassrede:

  • Beleidigungen, Diskriminierung, Gewaltandrohungen oder sogar der Aufruf zu Angriffen: Das versteht man unter Hassrede (Englisch: Hate Speech). Der Hass richtet sich dabei meist gegen Einzelpersonen oder Gruppen. Auch Cybermobbing ist eine Form von Hate Speech.

Shitstorm:

  • Ein Shitstorm steht für eine regelrechte Flut von negativen, kritischen oder hasserfüllten Kommentaren, meistens ausgelöst durch eine bestimmte Äußerung oder ein spezielles Ereignis. Der Name kommt daher, dass diese Hasskommentare wie ein Sturm aus dem Nichts aufziehen und dann aus allen Richtungen über Einzelne herfallen.

Fake News:

  • Sie sehen aus wie echte Nachrichten, sollen aber ganz gezielt Falschinformationen verbreiten. Diese müssen nicht immer gänzlich frei erfunden sein. Manchmal reicht es schon aus, sich auf einen bestimmten Teil der Information zu stützen und andere Fakten ganz bewusst auszulassen.

Social Media-Algorithmen erklärt: Wie Filterblasen unsere Wahrnehmung verzerren

Der Algorithmus der Sozialen Netzwerke lernt schnell und ist schlau. Er weiß im Zweifel besser als Sie selbst, womit er Ihr Interesse wecken oder Sie provozieren kann. So sorgt er dafür, dass Ihnen irgendwann nur noch Inhalte ausgespielt werden, die Ihnen auch gefallen. „Das ist gefährlich, weil wir immer mit den gleichen Informationen beschallt werden“, erklärt Melina Honegg.

Dann fühlen wir uns im Recht – oder denken, dass ja alle anderen genauso denken wie wir. Wenn wir dieses Gefühl haben, sind wir meist in einer sogenannten Bubble gelandet. So werden sie genannt, weil es so ist, als würde man in einer Blase leben. Wir bekommen nur das mit, was sich innerhalb der Seifenblase abspielt. Dafür sorgt der Algorithmus. Alles, was außerhalb der Blase stattfindet, bleibt uns verborgen. Adieu, Meinungsvielfalt!

Vorurteile und Diskriminierung

Die IKK classic packt an, wenn sie ein Problem erkennt. Denn: Wir wollen gesund machen. Dazu gehört auch, sich aktiv gegen Vorurteile und Diskriminierung zu stellen.

Hass und Hetze nehmen zu – im Internet und im realen Leben

Gemeinsam mit fünf weiteren Organisationen bildet die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) das Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation (ehemals Kompetenznetzwerk gegen Hass im Netz).

In einer Studie hat das Netzwerk 2024 herausgefunden, dass jede zweite Person schon online mindestens einmal beleidigt wurde. Dieser Hass richtet sich besonders gegen Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder anderer sexueller Orientierung. Neun von zehn Menschen sind der Meinung, dass der Hass im Netz in den letzten Jahren zugenommen hat.

Das deckt sich mit den Ergebnissen der neuen IKK classic Studie. Wir haben herausgefunden, dass Vorurteile und Diskriminierung in den vergangenen vier Jahren erheblich zugenommen haben. Unsere Studie zeigt: Krisen belasten unsere Gesellschaft enorm. Inzwischen sehen zum Beispiel nur noch 29 Prozent der Deutschen in Vorurteilen und Diskriminierung ein großes Problem.

Das hängt damit zusammen, dass viele Menschen in Krisenzeiten nach „Schuldigen“ für das, was passiert, suchen. Sie lehnen Andersdenkende ab und sehnen sich nach einfachen Wahrheiten.

Genau diese einfachen Wahrheiten finden die Menschen häufig im Internet.  Die Absender nutzen die Verunsicherung der Betroffenen aus. Entweder, um Menschen gegeneinander auszuspielen – oder um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Das nennt man Populismus.

Welche Auswirkungen hat Hass im Netz auf unsere Gesellschaft?

Das Internet ist für viele Menschen scheinbar ein sicherer und anonymer Ort. Deshalb ist die Hemmschwelle sehr gering. „Unter diesem Deckmantel schreiben wir Dinge, die wir einem anderen Menschen nicht ins Gesicht sagen würden“, sagt Melina Honegg.

Psychologe Marcel Moses erklärt: „Wenn Menschen ein solch extremes Online-Verhalten zeigen, dann steckt oft das Bedürfnis nach Frustabbau, der Wunsch nach Bestätigung durch Andere, aber auch gezielte Manipulation durch Desinformation oder Abwertung dahinter.“

Das beeinflusst die Art und Weise, wie wir im echten Leben mit unseren Mitmenschen umgehen. „Wir haben verlernt, zu diskutieren oder andere Meinungen zu akzeptieren“, sagt Melina Honegg. „Extreme fördern Hass, Hetze und führen zu Polarisierung, Radikalisierung und Verunsicherung“, ergänzt Psychologe Moses.

So verschiebt sich der gesellschaftliche Diskurs. „Insbesondere bei jungen Menschen findet die Meinungsbildung fast nur noch online statt. Wenn dort fast nur noch extreme Meinungen vertreten sind, überträgt sich das automatisch in die reale Welt.“

Auswirkungen von Fake News und Hass im Netz: Wie leiden Betroffene darunter?

Hass im Netz wirkt sich auch auf das analoge Leben aus. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele wie den Mord an Walter Lübcke oder die Anschläge von Halle oder Hanau. Die Expertin sieht darin ein klares Muster: „Radikalisierungsprozesse fangen oft im Internet an und wirken sich später auf die reale Welt aus.“

Das muss nicht immer so extrem sein wie in diesen Fällen. Dennoch sorgen sich 82 Prozent der Menschen, dass sich der Hass im Internet auf die reale Welt auswirkt. „Wer im Internet Hass ausgesetzt ist, zieht sich häufig zunächst stark zurück“, erklärt die Expertin. „Betroffene werden erst leiser und irgendwann verstummen sie.“ Entweder weil sie eingeschüchtert sind oder die Lust an der Kommunikation verlieren. Damit überlässt man die Meinungshoheit denen, die Hass oder Falschinformationen säen.

Das wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. „Betroffene leiden häufig unter Angst, Panik, Stress oder anderen Symptomen – bis hin zu ernsthaften psychischen Erkrankungen wie Depressionen“, sagt der Psychologe. Und das nicht nur bei denen, die direkt Opfer von Hassrede oder eines Shitstorms sind. „Das kann auch passieren, wenn man ständig nur noch negativen Content konsumiert.“

Wenn nur noch schlechte Nachrichten auf uns einprasseln, landen wir schnell in einer Negativ-Spirale. Das ist ein echter Teufelskreis.

Psychische Gesundheit

Hier erfahren Sie mehr rund um psychische Erkrankungen. Die IKK classic begleitet Sie, damit Sie mental gestärkt durch den Alltag gehen.

Wie kann ich mich vor Hass und Hetze im Internet schützen?

Das Netzwerk gegen Hass im Netz und Desinformation fordert, dass die Betreiber von Social-Media-Plattformen stärker kontrolliert werden müssen – und bei Verstößen auch stärker zur Verantwortung gezogen werden. Die Ziele der Betreiber gehen aktuell jedoch genau in die andere Richtung. Unter dem Deckmantel dessen, was sie als „Meinungsfreiheit“ verstehen, wollen sie Kontrollinstanzen abschaffen.

„In Europa und Deutschland gelten zum Glück andere Regeln als zum Beispiel in den USA“, sagt Melina Honegg. Hier regelt der Digital Service Act (DSA), dass die Plattformen gegen illegale Inhalte vorgehen müssen. Er soll dafür sorgen, dass die Grundrechte auch im Internet geschützt sind. Doch auch das ist häufig ein schmaler Grat. „Hass, Desinformation oder Gewalt werden durch die Geschäftsmodelle von Social Media-Plattformen verstärkt“, betont die Expertin. „Bei den Menschen hinterlässt das bleibende Schäden.“

Deshalb ist es wichtig, sich selbst so gut es geht davor zu schützen, durch Aufklärung und Bildung: Stichwort Medienkompetenz.

Weitere Tipps der beiden Experten sind:

  • Inhalte mit Hate Speech, Fake News oder Gewalt nicht einfach weiterleiten oder damit interagieren. Das verstärkt die Aufmerksamkeit.

  • Quellen prüfen und vermeintliche Fakten kritisch hinterfragen: Wer ist der Absender dieser Information. Handelt es sich dabei um seriöse Quellen? Gibt es weitere Quellen, die zum Thema berichten?

  • Nicht auf „Clickbaiting“ reinfallen: Reißerische Überschriften, Zitate oder Fotos sollen die Nutzerinnen und Nutzer neugierig machen und sie zur Interaktion zwingen. Der Nachrichtenwert solcher Inhalte ist meist verschwindend gering.

  • Fragwürdige Accounts blockieren und anstößige Beiträge melden: Das geht direkt bei den Plattformen oder einer Meldestelle, die mit mit Behörden zusammenarbeiten. Wie zum Beispiel REspect!. Gemeldete Inhalte, die nach ihrer Einschätzung strafrechtlich relevant sind, werden konsequent angezeigt.

  • Digital Detox: Eine Auszeit von der digitalen Welt nehmen.

  • Mit Vertrauenspersonen über eigene Ängste, Sorgen, Unsicherheiten und Gefühle sprechen.

Wenn einfache Maßnahmen nicht weiterhelfen oder Sie das Gefühl haben, zu tief in der digitalen Welt gefangen zu sein, können Sie sich auch professionelle Hilfe suchen. „Eine Therapie oder psychologische Beratung kann hier ein gutes Mittel sein“, betont Marcel Moses.

Professionelle Beratung im Umgang mit digitaler Gewalt bietet zum Beispiel die Organisation HateAid an, ganz kostenlos und unverbindlich.

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IKK classic

Veröffentlicht am 01.04.2025

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